Welchen Einfluss hat die Filterblase?
Im letzten Blogeintrag haben wir das Phänomen der Filterblase
vorgestellt. In diesem Eintrag soll nun beleuchtet werden, in wie weit die
Filter Bubble im Internet unser reales Wesen bestimmt und es soll die Frage
geklärt werden, ob der Mensch nicht von sich aus schon dazu neigt, sich mit
Gleichem zu umgeben, also nicht ohnehin schon in einer „realen Filterblase“
lebt.
Um zu analysieren, wie wichtig die Filterblase im
gesellschaftlichen Kontext überhaupt ist, möchte ich zunächst untersuchen, ob die
Filterblase als soziotechnisches System aufgefasst werden kann.
Nach der Definition von Kienle und Kunau muss ein
soziotechnisches System drei Kriterien erfüllen. Zunächst muss das soziale
System das technische System zur Unterstützung seiner Kommunikation nutzen.
Dies ist im Falle der Filterblase eindeutig gegeben. Wenn man sich im Internet
bewegt, kommuniziert man aus seiner Filterblase heraus, beziehungsweise
kommuniziert man in ihr. Die Posts, die ich in meiner Facebook-Timeline sehe
oder eben nicht sehe, sind ein Teil der Kommunikation mit meinen Freunden. Und
auch meine personalisierten Google-Ergebnisse sind eine Art der Kommunikation.
Weiter müssen sich die Systeme gegenseitig prägen. Das soziale System prägt
direkt das technische System, da der Nutzer seine Filter durch sein Verhalten
im Internet selbst bestimmt. Und das technische System prägt das Soziale, da es
dem Nutzer nur bestimmte Dinge zeigt und andere wiederum vorenthält. Als
letztes muss das technische System in die Selbstbeschreibung des sozialen
Systems eingehen (vgl. [1]). Hier wird es komplizierter. Den meisten Menschen
ist nicht bewusst, dass Algorithmen bestimmen, was sie im Internet sehen. Daher
würde ich nicht sagen, dass die Filterblase an sich in die Selbstbeschreibung
des sozialen Systems eingeht. Die Nutzung von Internetangeboten, wie Suchmaschinen
oder Sozialen Netzwerken, gehört aber seit ein paar Jahren bei vielen Menschen
zur Kommunikation und geht in die Selbstbeschreibung ein. In diesen Angeboten
steckt aber unweigerlich die Personalisierung in Form der Filterblasen. Dadurch
ist auch indirekt das letzte Kriterium erfüllt.
Da wir nun festgestellt haben, dass die Filterblase eindeutig
zu unserer Kommunikation gehört, schauen wir uns mal die drei offensichtlichsten
Variablen des Systems und deren Beziehung an. Das Klickverhalten bestimmt die
angezeigten Inhalte, welche die Meinung des Nutzers prägen und welche wiederum das
Klickverhalten beeinflussen. So entsteht eine Endlosspirale in den
Realitätsverlust. Realitätsverlust ist wahrscheinlich ein bisschen übertrieben,
aber im Ansatz kann ich das bei mir selbst beobachten. Ich versuche möglichst
fair produzierte Kleidung zukaufen. Im Internet ist das natürlich kein Problem.
Dadurch bekomme ich in meiner Filterblase sehr viel Werbung und andere Inhalte
für ökologischen und fairen Konsum angezeigt. Da das Thema in meiner Online-Welt
so präsent ist, neige ich dazu anzunehmen, dass das für alle anderen Menschen
auch so ist. Dadurch bin dadurch oft geschockt, wenn ich im echten Leben durch die
Einkaufsstraßen laufe und merke, dass der Massen- und Billigkonsum überall ist
und fast alternativlos erscheint. Natürlich hätte ich auch ohne den Einfluss
der Filterblase andere Ansprüche und Vorstellungen von Konsum, aber ich glaube
ohne diesen Einfluss, wären meine Vorstellungen nicht so weit von der Realität
entfernt.
Nach Eli Pariser analysieren
Personalisierungsalgorithmen zunächst den Nutzer und zeigen ihm auf dieser
Grundlage Inhalte, die ihn dann wohl interessieren werden. "Your identity shapes your media. There´s just
one flaw in this logic: Media also shape identity." ([2]
S.112). So könne es passieren, dass der Algorithmus dem Nutzer nicht das zeigt,
was er sehen möchte, weil der Algorithmus so gut funktioniere, sondern, weil
sich unsere Einstellungen und Bedürfnisse an die Ergebnisse des Algorithmus
anpassen würden (vgl. [2] S.112). Diesen Effekt nennt Pariser „you loop“ ([2]
S. 125).
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Gleich und Gleich gesellt sich gern
Schaut man sich in seinem eigenen sozialen Umfeld um,
muss man zugeben, das Sprichwort „Gleich und Gleich gesellt sich gern.“ stimmt.
Soziologen nennen die Neigung, sich mit Menschen zu umgeben, die ähnliche Werte
teilen und gleiche Interessen haben, „Similarity-Attraction-Effekt“ oder
„soziale Homogamie“ ([4] S. 25).
In einem Artikel in der Zeitschrift Annual Review of Sociology warnen die
Autoren McPherson, Smith-Lovin und Cook:
„Homophily limits people’s social worlds in a way that has powerful implications for the information they receive, the attitudes they form, and the interactions they experience. Homophily in race and ethnicity creates the strongest divides in our personal environments, with age, religion, education, occupation, and gender following in roughly that order.“ ([5] S. 415).
Weiter schreiben sie, wir würden uns
in unserer Meinung eher bestätigt fühlen, wenn wir uns nur mit Menschen
umgeben, die wie wir selber sind (vgl. [5] S. 416). Welche Folgen dieser Effekt
im politischen Geschehen hat, wollen wir im nächsten Blogbeitrag beleuchten.
Wir sehen also, die negativen Seiten,
die Filterblasen mit sich bringen sind nicht neu. Der Mensch hat auch abseits
von sozialen Netzwerken den Drang sich mit Menschen zu umgeben, die ihm ähnlich
sind. Sind Filterblasen dann nicht ganz logisch und natürlich?
Ich finde nicht; Filterblasen sind
nicht natürlich. Auch wenn ich mir eher Freunde suche, die ähnliche
Einstellungen haben wie ich, dann entscheide doch immer noch ich mit wem ich
mich umgebe. Meine Filterblase wird mir von außen aufgezwungen. Ich kann zwar
entscheiden, was ich anklicke, was ich „like“ und wem ich „folge“, aber die Auswahl,
was schlussendlich in meiner Online-Umlaufbahn landet, wird mir von Konzernen
abgenommen. (Facebook verwendet zum Beispiel „EdgeRank“ um seinen Nutzer, eine
angepasste Timeline zu präsentieren. Dafür wird unter anderem analysiert wie
viel Zeit man auf der Seite eines Freundes verbringt, wie alt die Posts sind und
wie besonders die Beiträge sind. Beziehungsstatus-Updates werden beispielsweise
höher gelistet [6].)
Im echten Leben kann ich mich zwar
mit meinen Leuten umgeben, aber bin trotzdem gezwungen mich mit meiner Umwelt
auseinanderzusetzen und komme trotzdem passiv mit anderen Menschen, Werten und
Sichtweisen in Berührung. Auf Facebook oder bei Google muss ich hingegen aktiv
werden, um meine Blase mit anderen Sichtweisen zu erweitern. Ich muss
inzwischen bewusst andere Inhalte anklicken oder Accounts folgen, um nicht
ständig meine eigene Meinung lesen zu müssen. Deshalb sollte den Nutzern
deutlich gemacht werden, dass die Inhalte personalisiert sind, damit sie mit
dem Medium richtig umgehen können.
Was ich aber am schlimmsten finde
ist, dass ich die Personalisierung nicht ausschalten kann. Entweder ich nutze
Soziale Netzwerke oder andere Online Angebote wie Facebook und bekomme nur das
angezeigt, was ich angeblich sehen will oder ich boykottiere den Dienst und
nehme die sozialen Folgen in Kauf.
Filterblasen sind also nicht die
Wurzel allem Üblen, aber sie verstärken den Similarity-Attraction- Effekt,
indem sie dem Nutzer die Möglichkeit nehmen, sich mit anderen Sichtweisen
auseinandersetzten zu können oder zu müssen und dies kann Einfluss auf unser soziales
System haben.
Quellen:
[1] Andrea Kienle, Gabriele V. Kunau
(2014): Informatik und Gesellschaft. Eine sozio-technische Perspektive.
München, Berlin: De Gruyter Oldenbourg. Seite 92-97.
[2] Eli Pariser (2012): The filter bubble. What the Internet is hiding from you. London: Penguin Books.
[3] Das Bild von Priscilla Du Preez ist lizenzfrei und abrufbar unter: https://unsplash.com/photos/nF8xhLMmg0c?utm_source=unsplash&utm_medium=referral&utm_content=creditCopyText, abgerufen am 01.12.2017
[4] Clara Mihr (2017): Gleich und Gleich gesellt sich gern. In: Dieter Frey (Hg.): Psychologie der Sprichwörter. Weiß die Wissenschaft mehr als Oma? Berlin, Heidelberg: Springer, S. 25–31. Online verfügbar unter DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_4, zuletzt geprüft am 05.12.2017.
[5] Miller McPherson, Lynn Smith-Lovin, and James M Cook (2001): Birds of a Feather: Homophily in Social Networks. In: Annual Review of Sociolgy (27), S. 415–444. Online verfügbar unter https://doi.org/10.1146/annurev.soc.27.1.415., zuletzt geprüft am 01.12.2017.
[6] Eli Pariser (2011): The Filter Bubble: How the New Personalized Web Is Changing What We Read and How We Think. New York: The Penguin Press.
[2] Eli Pariser (2012): The filter bubble. What the Internet is hiding from you. London: Penguin Books.
[3] Das Bild von Priscilla Du Preez ist lizenzfrei und abrufbar unter: https://unsplash.com/photos/nF8xhLMmg0c?utm_source=unsplash&utm_medium=referral&utm_content=creditCopyText, abgerufen am 01.12.2017
[4] Clara Mihr (2017): Gleich und Gleich gesellt sich gern. In: Dieter Frey (Hg.): Psychologie der Sprichwörter. Weiß die Wissenschaft mehr als Oma? Berlin, Heidelberg: Springer, S. 25–31. Online verfügbar unter DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_4, zuletzt geprüft am 05.12.2017.
[5] Miller McPherson, Lynn Smith-Lovin, and James M Cook (2001): Birds of a Feather: Homophily in Social Networks. In: Annual Review of Sociolgy (27), S. 415–444. Online verfügbar unter https://doi.org/10.1146/annurev.soc.27.1.415., zuletzt geprüft am 01.12.2017.
[6] Eli Pariser (2011): The Filter Bubble: How the New Personalized Web Is Changing What We Read and How We Think. New York: The Penguin Press.
Verfasst von Anna Kleiner, editiert von Jana Haas und überprüft von Shun-Jie Yan.

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